| Ansprache von Propst Paul Jakobi |
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Meine
sehr geehrten Damen und Herren, einen
günstigeren Termin für die Einweihung des Schutzbaues über
der Kreuzkirche auf dem Wittekindsberg hätten Sie nicht finden
können. Wir feiern nämlich heute in der katholischen Kirche
das Fest Kreuzerhöhung, das im 4. Jahrhundert mit der Auffindung
des Kreuzes Jesu in Jerusalem entstanden ist. So werden wir mit dieser
Kreuzkirche am Fest Kreuzerhöhung an das Kreuz herangeführt.
Thomas Merton verschafft uns mit einer kleinen Erzählung einen
Zugang zu dieser Thematik: Es
war einmal ein Mann, den ängstigte der Anblick seines eigenen
Schattens so sehr, dass er beschloss, ihn hinter sich zu lassen. Er
sagte zu sich: Ich laufe ihm einfach davon. So stand er auf und lief
davon. Aber sein Schatten folgte ihm mühelos. Er sagte zu sich:
Ich muss schneller laufen. Also lief er schneller und schneller, lief
so lange, bis er tot zu Boden sank. Wäre er, sagt der chinesische
Weise, wäre er einfach in den Schatten eines Baumes getreten,
so wäre er seinen eigenen Schatten losgeworden. Aber darauf kam
er nicht. Es
war einmal ein Mann; dieser Mann ist jedermann – Sie und ich.
Jeder hat seinen Schatten, der lang oder kurz sein kann, je nach Sonnenstand.
Dieser Schatten hat eine schreckliche Eigenschaft: Er verfolgt uns
in unerbittlicher Konsequenz. Und er hat viele Gesichter: Ohnmacht,
Erfolglosigkeit, Streit, Behinderung, Krankheit, Krebs, Schuld, Tod.
Ganze Völker fliehen vor dem Schatten ihrer Vergangenheit. Wie
werden wir mit dem Schatten fertig, der uns an den Fersen hängst?
Den Kopf in den Sand stecken? Verdrängen oder vergessen? Hektische
Betriebsamkeit suchen? Uns dem Schweigen verweigern? Die Flucht ergreifen,
die uns in den Tod treibt? Der
chinesische Weise empfiehlt, einfach in den Schatten eines Baumes
zu treten. In ihm wird der eigene Schatten aufgelöst. Der
Baum ist für uns Christen das Kreuz. Das haben unsere Väter
und Mütter gewusst. Darum haben sie das ganze Land mit Kreuzen
versehen. Auch diese wiederentdeckte Kreuzkirche auf dem Wittekindsberg
ist aus dieser theologischen Überlegung entstanden. Im Mittelalter
ist alles symbolträchtig. Wer sich darauf nicht einlassen kann,
entdeckt vielleicht kunsthistorische Kostbarkeiten, aber nicht den
Geist der Mindener Bischöfe, den Geist der Benediktinerinnen
oder den Geist der Erbauer, die diese Kirche geschaffen haben. Das
Evangelium lehrt uns: Stelle dich in den Schatten des Kreuzes, dann
wird dein Schatten aufgehoben. Die Welt kennt das Kreuz nur als Ende;
für den christlichen Glauben aber ist das Kreuz eben nicht das
Zeichen des Todes, sondern das Zeichen des Lebens. Das Kreuz sagt:
Bringt mir eure Schatten, ich verwandle sie in Licht. So
sind wir den Archäologen und Forschern dankbar, dass sie diese
Kreuzkirche, die im Mindener Dom ihren Ursprung hat, entdeckt und
ausgegraben haben. Die Äbtissin Tetwif, die hier gelebt hat,
ist heute im Mindener Heiligenfenster des Domes dargestellt . Wir
danken den Institutionen und Sponsoren, die mit ihrem Geld diese Kreuzkirche
schützen wollen. Auch dieser Schutzbau über den Ausgrabungen
macht eine tiefe symbolische Aussage, die wir aus dieser Feier mit
in unser Leben nehmen können: Der Glasbau will das Kreuz sichtbar
machen, und er will das Kreuz schützen |
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